Wirtschaftskriminalität: Aufdeckung eines Falles
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Wirtschaftskriminalität ist – im Gegensatz zu vielen anderen kriminellen Aktivitäten (Einbruch, Delikte an Leib und Leben, u.v.m.) – ein sonderbares Delikt. Erst wenn es „aufgeflogen“ und Täter/In und Tat bereits bekannt sind, ist sie überhaupt erst sichtbar. Das ist bei einem Einbruch beispielsweise nicht so, den merkt man meist sehr rasch. Daher zeigt sich der Erfolg von gegen Wirtschaftskriminalität gerichteten Aktivitäten zumindest in der ersten Zeit in der Anzahl aufgedeckter Fälle. In vielen Unternehmen wird aber die Aufdeckung eines Falles von Wirtschaftskriminalität als Problem und „Niederlage“ gesehen, weil andere solche Fälle offenbar nicht haben.
Aufdeckung ist ein Erfolg, keine Niederlage
Wirtschaftskriminalität ist ein gesellschaftliches Phänomen seit es Wirtschaft als solche in der menschlichen Gesellschaft gibt. Es gibt eben immer einen Bodensatz an Personen, welche sich außerhalb des anerkannten Regelwerks einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen wollen, der ihnen bei regelkonformen Verhalten so nicht zugekommen oder zugestanden wäre. Da nunmehr jedes Unternehmen in seiner Mitarbeiterschaft mehr oder weniger einen Querschnitt der Gesellschaft widerspiegelt, muss auch damit gerechnet werden, dass es einige gibt, welche sich zu Lasten der anderen bereichern. Da solche Handlungen regelmäßig zum Nachteil der Unternehmung verbunden mit schlechteren wirtschaftlichen Ergebnissen gehen, sind mittelbar auch die Kollegen betroffen, welche mit ihrem Einkommen häufig und immer mehr an den Erfolg des Unternehmens gebunden sind. Im Extremfall kann das wirtschaftskriminelle Vorgehen weniger sogar zum Arbeitsplatzverlust vieler führen. Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität im eigenen Unternehmen ist somit keine Niederlage sondern ein klarer Erfolg.
Eine Intensivierung der Aufdeckungsmaßnahmen führt immer zuerst zu einem oft starken Anstieg von Fällen im Unternehmen. Dies bedeutet jedoch nur, dass nun endlich die Abwehrmechanismen zu greifen beginnen und vor allem die „Versäumnisse der Vergangenheit“ wegzuräumen sind. Auch die Täter oder „gefährdete“ Personen müssen sich auf die neue Situation erst einstellen und können ihr Tun nicht von heute auf morgen einstellen oder ungeschehen machen. Es sollte aber in weiterer Folge zu einem Abflauen der entdeckten Fälle kommen.
Diese Entwicklung bereits im Vorfeld zu kennen und auch zu kommunizieren ist besonders für diejenigen wichtig, welche erstmalig im Unternehmen beginnen entsprechende Maßnahmen einzuführen. Jeder Fall entdeckter Wirtschaftskriminalität ist ein Erfolg, weil damit eine weitere und fortdauernde Schädigung des Unternehmens verhindert werden konnte. Und es ist in jeder Phase des Tatschemas ein Erfolg, wenn es endlich aufgedeckt werden konnte, auch wenn es bereits unter Umständen sehr lange gelaufen ist. Es braucht nicht nur auf die dzt. aktuellen Großverfahren verwiesen werden, um rasch zu erkennen, dass fast jedes Tatschema im Zeitablauf die Tendenz zum „Wachstum“ hat. Nur selten verharren die Täter – einmal begonnen – auf einem niedrigen Niveau. Gier und/oder die Notwendigkeit, Taten der Vergangenheit zu verschleiern, treiben zu immer umfangreicherem Tun.
Unternehmensklima der Aufdeckung
Wirtschaftskriminalität braucht ein ganz spezielles „Wachstumsklima“, das gekennzeichnet ist durch Misstrauen, Obrigkeitsdenken, starke, unüberwindliche Hierarchien, schlechte und eingeschränkte Kommunikationskultur. Es ist daher notwendig, im Unternehmen ein Klima der Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten zu schaffen, in welchem die AufdeckerInnen nicht als Nestbeschmutzer sondern als Vorbilder einer guten Unternehmenskultur zu gelten haben. Wenn nämlich die Kommunikation bereits im Unternehmen dahingehend gut funktioniert und die Mitarbeiter die Möglichkeit haben, Missstände erfolgreich aufzuzeigen, reduziert man damit automatisch auch das in den Unternehmen nicht zu Unrecht gefürchtete „Durchsickern“ von Informationen nach außen. Die beste Prophylaxe einer schlechten Presse ist daher, allen potentiellen Informationsgebern (Mitarbeitern, Lieferanten, Kunden) ausreichend Möglichkeit zu verschaffen, ihre Informationen innerhalb des Unternehmens los zu werden.
Erfolgreiche Maßnahmen der Aufdeckung
Welche Maßnahmen der Aufdeckung wurden in der Vergangenheit in der Forschung als erfolgreich und effizient erkannt: Wenn man die Gruppen „Hinweise von Mitarbeitern“, „Hinweise von Kunden“ und „Hinweise von Lieferanten“ zusammen nimmt, ergibt sich ein ganz offensichtliches Schwergewicht – neben der Innenrevision – bzgl. der Aufdeckungseffizienz. Das wiederum heißt, neben einer guten Innenrevision und einem funktionierenden internen Kontrollsystem erscheint es am wichtigsten und effizientesten Kommunikationsmöglichkeiten aufzutun, welche einen geordneten Eingang dieser wertvollen Hinweise erst ermöglichen. Es muss nicht gleich eine „Whistle-Blower-Hotline“ US-amerikanischen Zuschnitts sein. In praktisch allen größeren Fällen, welche wir in der Vergangenheit zu bearbeiten hatten, stellten wir nach den obligatorischen Gesprächen mit den Mitarbeitern fest, dass eine mehr oder minder konkrete Kenntnis über den Fall bereits seit längerem im Unternehmen vorhanden war. Es fehlten bloß die Möglichkeiten und auch das Vertrauen, dieses Wissen an die richtige Stelle kommunizieren zu können und zu wollen.
Die immer wieder geäußerten Bedenken bzgl. „Vernaderung“ und falschen Anschuldigungen haben sich unserer Erfahrung nach in der Praxis bis dato überhaupt nicht gezeigt. In der Regel scheint die psychologische Hemmschwelle, eine Unregelmäßigkeit zu melden, viel größer, als die Gefahr, dass leichtfertig angeschuldet wird. Das Problem bei diesen neuen Kommunikationskanälen ist viel mehr, überhaupt Feedback zu bekommen. Uns ist kein Fall bekannt, in dem das Unternehmen von Rückmeldungen förmlich „überrollt“ worden wäre. Ein Klima, in dem Vernaderung gedeiht, ist im Übrigen dem Klima für Wirtschaftskriminalität gar nicht unähnlich. Effiziente Aufdeckung bedeutet also, bereits im Unternehmen vorhandenes Wissen optimal zu nutzen und zu kanalisieren. Offene Kommunikationsstrukturen und ein Hierarchie-übergreifendes Gesprächsklima entziehen der Wirtschaftskriminalität rasch den Nährboden.
Dr. Matthias Kopetzky, CPA, CFE, CIA ist geschäftsführender Gesellschafter der Business Valuation GmbH und als allgemein gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger überwiegend mit der Bearbeitung von Wirtschaftskriminalitätsfällen befasst.
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